Branchenexperte Stefan Bratzel meint, die Opel-Mutter General Motors "kommt in Europa nicht darum herum, ein Werk zu schließen". (ARCHIVFOTO: DPA)
In der großen Halle soll es während der Betriebsversammlung öfter ziemlich laut zugegangen sein. Draußen am Werkstor gab sich Opel-Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug vor den laufenden Kameras der TV-Sender aber nicht gerade angriffslustig. „Es gibt gute Ideen, wie das Unternehmen nach vorne gebracht werden kann.“ Und: „Wir müssen uns jetzt Zeit nehmen und miteinander reden“, sagte er.
Die Empörung von Opel-Beschäftigten ist jedenfalls gut nachvollziehbar. Denn Vorstandschef Karl-Friedrich Stracke blieb viele Antworten über die Zukunft des Autobauers schuldig. Er stellte einen „neuen Unternehmensplan“ mit zehn Punkten vor, der aber kaum Neues enthielt. Immerhin hat Stracke jetzt klipp und klar gesagt, dass das wichtigste Modell der General-Motors-Tochter, der Astra, künftig nur noch an zwei Standorten hergestellt werden soll. Welche Konsequenzen hat das für die hiesigen Werke? Hinweise konnten die Beschäftigten in einem Bericht des Wall Street Journal entnehmen. Dort erklärte Stracke, dass in Großbritannien auf jeden Fall weiter produziert werden soll.
Rolle rückwärts in England
Neben Deutschland ist Großbritannien der wichtigste Markt für das Unternehmen, das dort unter Vauxhall firmiert. Also ist das Werk in Ellesmere Port nahe Liverpool für den neuen Astra, der 2015 kommen soll, gesetzt – zumal die Fertigung dort billiger als hierzulande ist und mit der Montage vor Ort für den britischen Markt Währungsschwankungen zwischen Euro und Pfund vermieden werden. Merkwürdig ist nur, dass der Bestand des Werkes in Ellesmere Port noch Anfang des Jahres vom GM-Management in Frage gestellt wurde. Da stellt sich die Frage: Haben die Führungskräfte überhaupt einen Plan?
Klar ist derzeit nur eins: Kosten stehen im Fokus, auch in Strackes Zehn-Punkte-Programm. Das bedeutet, dass Beschäftigte in den deutschen Werken schlechte Karten haben. Auch im polnischen Gliwice wird günstiger produziert als in Bochum oder Rüsselsheim. Deshalb ist die Fabrik in Polen der ganz große Favorit für den zweiten Astra-Produktionsstandort. In Strackes Zehn-Punkte-Plan gibt es einen Punkt, der für die Beschäftigten auf den ersten Blick ein Hoffnungsschimmer ist: Es werde darüber verhandelt, die Fertigung von Autos der Opel-Schwestermarke Chevrolet nach Europa zu holen – derzeit kommen die Chevys aus Südkorea. So könnte die Auslastung der hiesigen Werke erhöht werden. Dies mache aber nur Sinn, wenn die Produktion hierzulande „wettbewerbsfähig“ sei, schränkt ein Opel-Sprecher ein. Auch in Südkorea werden die Autos billiger gebaut als in Deutschland.
Drei Schichten angestrebt
Wettbewerbsfähiger werden, das bedeutet aus diesem Grund vor allem: Gehälter drücken und Arbeitszeiten ausdehnen, und zwar mit möglichst wenig Lohnausgleich. Das ist der Kernpunkt der gegenwärtigen Debatte. Schließlich will der Opel-Chef den europäischen Produktionsverbund so ausbauen, dass nur noch im Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet wird. Stracke bekannte sich am Montag denn auch ausdrücklich zum Stammwerk Rüsselsheim, das zudem eines der modernsten im GM-Konzern ist. Doch dort müssten ebenfalls die Kosten pro Fahrzeug sinken. Bochum erwähnte er erst gar nicht.
Warum bleibt Schäfer-Klug bei all dem so gelassen? Der Betriebsratschef weiß ganz offensichtlich, wie gefährlich es ist, öffentlich zu zanken. Das vergrämt erstens die Kunden. Opel ist hierzulande längst schon wieder ein Autobauer mit einem Verlierer-Image.
Das dürfte einer der Gründe sein, warum die Rüsselsheimer im April mit minus 9,2 Prozent bei den Neuzulassungen der heimischen Hersteller am letzten Platz stand. Öffentliches Gezänk verunsichert die Belegschaft und vertieft auch den Graben zwischen Beschäftigten und Management. Damit wird es noch schwieriger, einen Konsens zu finden, der aus Sicht der Belegschaft Lohneinbußen möglichst minimiert und vor allem das Werk in Bochum rettet.