Sachsen: Fast jeder siebente Leiharbeiter ist Aufstocker

07.05.2012 08:34 Uhr
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Leiharbeit

Die Anteil von Leiharbeitern in den Firmen ist in den letzten Jahren permanent gestiegen. (FOTO: DPA)

Von Tino Moritz
Monat für Monat geht die Zahl der Arbeitslosen zurück. Der Aufschwung am sächsischen Arbeitsmarkt hat aber eine Kehrseite: Viele Beschäftigte arbeiten unterhalb der Niedriglohnschwelle - selbst wenn sie noch einen Vollzeitjob haben.
Nürnberg/Berlin/dpa. 

In Sachsen sinkt zwar die Zahl der Arbeitslosen - zu einem erheblichen Teil ist dieser Trend aber der steigenden Zahl von Leiharbeitern geschuldet. Sie sind zu deutlich schlechteren Bezügen tätig, aber auch unter Vollzeitjobbern aus den Stammbelegschaften sind Niedriglöhne überdurchschnittlich stark verbreitet, wie eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt. Die Linke-Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann wirft Sachsens CDU/FDP-Koalition vor, die Lage am Arbeitsmarkt schönzureden.

Den BA-Angaben zufolge gab es im Freistaat 2011 mit 1,44 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwar nur etwa 90 000 weniger als im Jahr 2000 - was mit dem demografischen Wandel und der daraus resultierenden Verkleinerung des Arbeitsmarktes erklärt werden kann. Aber in diesen elf Jahren sank eben auch der Anteil der Vollzeitbeschäftigten rapide: Mit 1,14 Millionen lag er bei weniger als 80 Prozent, während es im Jahr 2000 mit 1,32 Millionen noch fast 87 Prozent waren - das waren 180 000 mehr. Im gleichen Zeitraum legte der Anteil der Teilzeitbeschäftigten von 13,2 Prozent (2000: 201 000 Jobs) auf 20,2 Prozent (2011: 291 000 Jobs) zu - womit in Sachsen mittlerweile jeder fünfte Beschäftigte nur noch auf Teilzeitbasis arbeitet.

Aber auch ein Vollzeitjob garantiert keine Existenzsicherung: Ende 2010 gingen 43,8 Prozent - und damit fast jeder zweite - mit weniger als monatlich 1802 Euro brutto nach Hause. Diese Summe markierte die Niedriglohnschwelle, die bei zwei Dritteln des deutschen Durchschnittsverdiensts liegt. Bundesweit mussten den BA-Angaben zufolge 22,8 Prozent der Vollzeitbeschäftigten mit einem Niedriglohn auskommen - der Anteil im Freistaat lag also fast doppelt so hoch. «Das sozialversicherungspflichtige existenzsichernde Vollzeitarbeitsverhältnis wird in Sachsen immer mehr zum Auslaufmodell», sagte Linke-Arbeitsmarktexpertin Zimmermann, die die Daten von der BA angefordert hatte, der Nachrichtenagentur dpa.

Ein Baustein in dieser Entwicklung ist für sie der rasante Anstieg der Leiharbeiter: Gab es Mitte 2009 noch 34 000, so waren es zwei Jahre später schon rund 54 000. «War Leiharbeit früher in den Betrieben eher eine Randerscheinung zum Abdecken von Auftragsspitzen, hat sie sich immer mehr zu einem strategischen Instrument vieler Arbeitgeber entwickelt», kritisierte Zimmermann. Die Unternehmer würden damit systematisch Löhne drücken und könnten sich bei Bedarf von Leiharbeitern sofort wieder trennen.

Unter den vollzeitbeschäftigten Leiharbeitern in Sachsen ist der Niedriglohn sogar der Normalfall: 83,1 Prozent von ihnen verdienten Ende 2010 weniger als 1802 Euro, wie aus der BA-Statistik weiter hervorgeht. «Mit dem Boom der Leiharbeit frisst sich schlecht bezahlte und instabile Beschäftigung in den Arbeitsmarkt», warnte Sachsens DGB-Vize Markus Schlimbach. Er wies darauf hin, dass die sächsischen Leiharbeiter im Schnitt 40 Prozent weniger als ihre festangestellten Kollegen verdienen.

Für 2011 verzeichnete die Bundesagentur für Arbeit im Freistaat sogar rund 7000 Leiharbeiter, die auf ergänzende Hartz-IV-Leistungen angewiesen waren. Damit war fast jeder siebente (13,5 Prozent) Leiharbeiter zugleich Aufstocker, bei allen Beschäftigten zusammen betrug dieser Anteil gerade einmal 4,2 Prozent. Und der weitere Ausbau der Leiharbeit kündigt sich bereits an: Allein im April meldeten die Zeitarbeitsfirmen 2500 freie Stellen - von insgesamt 8500 neu angebotenen Jobs. Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) gab sich zuletzt «zuversichtlich, dass im Laufe des Jahres die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften weiter zunehmen wird». Insgesamt waren im vergangenen Monat 220 000 Menschen arbeitslos gemeldet, die Arbeitslosenquote betrug 10,3 Prozent.