Chinesische Ingenieure prüfen ein Solarpanel. (FOTO: DAPD)
Sven Kürten schätzte die Lage Freitagvormittag richtig ein. Die Strafzölle in den USA auf chinesische Solarmodule könnten zu einer "stimmungsgetriebenen Kurzfristrallye" bei Solarworld führen, so der Analyst der DZ-Bank. Tatsächlich schoss die Aktie des Photovoltaikunternehmens am Freitag bis zum Nachmittag um fast 13 Prozent in die Höhe.
Am Abend zuvor hatte das US-Handelsministerium verkündet, dass auf Solarmodule, die aus China kommen, nun bis zu 250 Prozent Strafzoll aufgeschlagen werden. Große Hersteller wie Yingli, Suntech oder Trina trifft es nicht ganz so hart. Auf ihre Produkte kommt ein Aufschlag von 31 Prozent. Die Obama-Regierung reagiert mit den Strafzöllen auf eine Klage, die die US-Tochter der Bonner Solarworld und sechs weitere US-Firmen eingereicht hatten. Ihr Vorwurf: Preis-Dumping. "Die Solarmodule werden teilweise unter den Herstellungspreisen auf dem US-Markt verkauft", sagte ein Solarworld-Sprecher. Die sieben Unternehmen gehen davon aus, dass durch die Billigimporte in den Vereinigten Staaten 2 000 Arbeitsplätze vernichtet wurden.
Solarworld-Chef Frank Asbeck begrüßte den Schritt der US-Regierung: Nun bestehe die Chance, zu fairem Wettbewerb zurück zu kehren. Die Solarbranche steht weltweit unter massivem Preisdruck. In den vergangenen Jahren sind riesige Kapazitäten entstanden, die weit über die Nachfrage hinausgehen. Experten schätzen, dass die Branche in diesem Jahr Anlagen mit einer Leistung von 50 Gigawatt herstellen könnte, die Nachfrage aber tatsächlich bei deutlich weniger als 30 Gigawatt liegen dürfte. Es ist unter Experten ein offenes Geheimnis, dass chinesische Hersteller ihre Produkte extrem günstig anbieten, und zwar nur noch zwecks Reduzierung der Verluste.
Die neuen Strafzölle dürften den Modulmarkt heftig durcheinander wirbeln. DZ-Bank-Analyst Kürten erwartet, dass die Sonnenstrom-Technik aus China nun "in andere Märkte verkauft wird" und dort den Preisdruck erhöht. Das heißt, in Deutschland könnten sich Solaranlagen weiter verbilligen. Darunter würde dann aber auch die hiesige Nummer eins, Solarworld, leiden. Kürten sieht daher "keine große fundamentale Verbesserung" für das Bonner Unternehmen.
Was tun? "Wir erwarten, dass der Impuls aus den USA von der EU aufgegriffen wird", sagte Asbeck. Und sein Sprecher fügt hinzu: "Wir bereiten auch für Europa eine Klage vor, Brüssel muss ebenfalls handeln." Strafzölle in Europa? Der Bosch-Konzern, der auch im Sonnenstrom-Geschäft aktiv ist, beurteilt die Lage grundlegend anders als die Mitbewerber aus Bonn. "Wir sehen nicht, dass protektionistische Maßnahmen der richtige Ansatz sind, um einen Weltmarkt zu schaffen", sagte ein Sprecher. Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, warnt ebenfalls: "Wir brauchen faire Wettbewerbsbedingungen auf beiden Seiten." Wichtig sei, dass auch für deutsche Solarfirmen die Tür zum wachsenden chinesischen Markt offen sei. Da lägen große Chancen für hiesige Unternehmen, insbesondere wenn sie dort mit technologischen Innovationen antreten würden. "Mit Strafzöllen würde diese Tür zugeschlagen."