Mit sicherem Griff fasst Dietlinde Stübner in das Schubfach. Lächelnd präsentiert sie das Messer eines Fischbestecks. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein ganz normales Fischmesser. Erst beim Zerteilen des Fischs wird klar, dass es für einen Rechtshänder nahezu nutzlos ist. Linkshänder sind jedoch davon begeistert. Die Spezialanfertigung ist eigens für sie entstanden. Noch mehr solcher "Wunderdinge" legt Dietlinde Stübner auf den Tisch ihres Arbeitszimmers in Wahlitz vor den Toren Magdeburgs. Da findet sich der linksdrehende Korkenzieher oder die seitenverkehrte Computermaus. Etwa jeder zehnte Mensch ist Linkshänder. Sie hätten Probleme bei der Handhabung scheinbar banaler Alltagsgegenstände, die in der Regel für Rechtshänder gemacht seien. Deshalb hat Stübner sich vor 15 Jahren darauf spezialisiert, Alltagsgegenstände speziell für Linkshänder aufzuspüren und über das Internet zu vertreiben.
Füller und Scheren für Linkshänder
Die Geschäftsidee habe sich inzwischen schon fast überholt, räumt Dietlinde Stübner ein. Händler und Hersteller seien sensibler geworden. Zunehmend böten sie die Schere an, mit der Linkshänder Papier problemlos schneiden können, oder den Schulfüller mit der Griffmulde auf der anderen Seite. Für Spezialanbieter eine schlechte Zeit, sagt sie.
Die Wehmut hält sich jedoch in Grenzen. Eigentlich habe sie Mitte der 1990er Jahre nichts anderes gewollt, als Linkshänder mit damals raren Dingen zu versorgen, sagt sie. Immer war es aber auch ihre Absicht, Eltern dafür zu gewinnen, dass sie den Gebrauch der linken Hand ihrer Sprösslinge akzeptieren. Nach wie vor besucht sie Schulen und Kindergärten, um diese Botschaft zu verbreiten.
Raritäten im Angebot
Denn über Generationen hinweg genoss die rechte Hand Priorität. Mit ihr wurde geschrieben und gearbeitet, da gab es kaum Ausnahmen, Akzeptanz noch weniger. Wer sich dem verweigerte, wurde mit mehr oder weniger sanfter Gewalt "auf den rechten Weg gebracht". Im frühen Japan, berichtet Stübner, konnte sich ein Mann sogar scheiden lassen, wenn er entdeckte, dass seine Frau Linkshänderin war.
Klagen der Schwägerin, die ebenfalls "alles mit links macht", hatten die Stübnersche Geschäftsidee einst auf den Weg gebracht. In der Familie gaben sich inzwischen auch Schwiegervater und Schwiegersohn als Gleichgesinnte zu erkennen. "Mal sehen, ob sich einer meiner vier Enkel ähnlich entwickelt", sagt sie und lacht. Ihr Geschäft will sie reduzieren, sich auf die nach wie vor eher seltenen Stücke beschränken, denn wegen eines Füllers bemüht kaum noch jemand einen Internethändler.
Tierpflegeartikel etwa zum Schneiden von Klauen oder die seitenverkehrte Brieftasche gehören noch zu den Raritäten. Ebenso der Rucksack, bei dem sich der Reißverschluss auf der anderen Seite befindet. So ganz könne sie schließlich nicht auf ihre Berufung verzichten, sagt Stübner. Außerdem gebe es noch Bedarf an Artikeln für Linkshänder - den Fotoapparat zum Beispiel. "Kennen Sie auch nur eine hochwertigere Kamera mit einem Auslöser links?" Die Antwort auf die Frage gibt sie gleich selbst: Mit der Exa produzierte das Dresdener Ihagee Kamerawerk von 1950 bis in die 70er Jahre hinein einen Fotoapparat, der Linkshänder begeisterte. Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die begeistern. Zum Beweis holt sie einen bayerischen Bierkrug aus dem Schrank. Das bunte Etikett weist beim Trinken mit der linken Hand zum Betrachter. "Der Entwickler war sicher Linkshänder", sagt Stübner.