Burgenlandkreis: Von Schlesien nach Rasberg

03.08.2012 18:49 Uhr | Aktualisiert 03.08.2012 19:22 Uhr
Käthe Pohl (l.) und Ehegatte Kurt (M.) zusammen mit Urenkel Luis Herrmann (r.) auf ihrer Diamantenen Hochzeit. (FOTO: HARTMUT KRIMMER) 
Von Tobias Heyner
Die 82-jährige Rentnerin Käthe Pohl verbringt gemeinsam mit Ehemann Kurt Pohl (81) ihren Lebensabend in der Karl-Marx-Straße von Rasberg. Die beiden gebürtigen Polen leben seit über 75 Jahren in Zeitz. Die Region zu verlassen, daran dachten sie nie.
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Rasberg/MZ. 

"Was sollen wir denn woanders?", fragt Käthe Pohl. "Uns fehlt es hier doch an nichts!" Die 82-jährige Rentnerin verbringt gemeinsam mit Ehemann Kurt Pohl (81) ihren Lebensabend in der Karl-Marx-Straße von Rasberg. Seit über 75 Jahren lebt das Paar nun in Zeitz. Die beiden gebürtigen Polen kamen ursprünglich jedoch nicht ganz freiwillig in die Region: Der Krieg zwang sie dazu.

"Wir stammen beide aus Schlesien", erklärt Pohl. "Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges befand sich jeder von uns mit seiner Familie in einem Arbeitslager. Dann kamen die russischen Befreier, verfrachteten die Menschen in Busse oder Züge und los ging die Fahrt ins Ungewisse." Endstation war schließlich Zeitz. Käthe musste mit ihren Angehörigen zunächst in den ehemaligen Baracken der Kriegsgefangenen in der Clara-Zetkin-Straße hausen - unter schlimmen Zuständen, wie sie sagt. Kurt wohnte gemeinsam mit zwei anderen Personen in einem Zehn-Quadratmeter-Zimmer in der August-Bebel-Straße. Die Armut und der Hunger waren groß. Deswegen entschied sich Kurt im Alter von 16 Jahren nach Dortmund zu gehen, wo er eine Lehrstelle in einer Kohlegrube fand.

"Die Urlaube verbrachte ich natürlich immer daheim in Zeitz", berichtet er, "und 1950 lernte ich Käthe bei einem Tanzfest in der Zeitzer Gaststätte Preußischer Hof in der Innenstadt kennen und wir verliebten uns." 1952 kehrte Kurt in die Heimat zurück und die beiden heirateten. "Das ist nun schon wieder über 60 Jahre her", sinniert Käthe, während sie eine Fotokollage mit Bildern ihrer Diamantenen Hochzeit betrachtet. Diese hatten sie im April begangen. Ihre Kinder und Enkel hatten ihnen eine Kutschfahrt nach Breitenbach geschenkt, wo alle gemeinsam gefeiert hatten.

Ihre Familie ist für die Pohls ein wesentlicher Grund, warum sie sich in Rasberg stets heimisch fühlten: "Viele unserer Angehörigen sind hier geblieben", erklärt Käthe Pohl. "Unsere Tochter Karola Hermann (55) arbeitet beim Zeitzer Gesundheitsamt und Enkeltochter Franziska (29) in der Seniorenhilfe in der Altenburger Straße." Sie besuche die beiden häufig mit dem achtjährigen Urenkel Luis Herrmann.

Natürlich ärgere die Pohls, was im Laufe der Zeit aus der Region geworden sei: "Früher gab es in Rasberg einmal drei Bäcker, drei Fleischer, einen Gemüsehändler, eine Molkerei, eine Post, einen Konsum und sogar drei Gasthäuser", erinnert sich Käthe, "und was ist heute noch davon übrig? Praktisch nichts." Für Gemüse, Fleisch und Backwaren gebe es lediglich noch Verkaufsstellen, die aber nur wenige Stunden in der Woche geöffnet seien. So müssen die beiden eben häufig in die großen Märkte, wie Kaufland. "Ein Auto haben wir jedoch nie besessen", so Kurt, "da helfen uns unsere Kinder aus, oder wir nehmen das Fahrrad."

Die Pohls lieben ihre Heimat aber dennoch. "Die Umgebung ist schön", sagt Käthe, "es gibt viel Natur - tolle Landschaften." Außerdem seien die Menschen hier alle so freundlich. Das habe das Paar im Westen der Bundesrepublik in dieser Form nie kennengelernt. "Wir hatten hier immer Arbeit und unsere Kinder ebenfalls", so Kurt, "es gab für uns nie einen Grund von hier wegzugehen."