Wer aus der mittäglichen Hitze in die ehemalige Matheser Likörfabrik am Zeitzer Altmarkt geht, atmet erst einmal auf. 21, 22 Grad Celsius und Schatten! "Wenn es ein paar Tage heiß ist, dann heizt es sich hier drin aber auch auf", sagt Andreas Wilke. Offiziell technischer Mitarbeiter des Vereins Unterirdisches Zeitz, kümmert er sich seit vielen Jahren um alles rund um das Gangsystem. Das ist die touristische Attraktion in Zeitz. Noch dazu mit konstanten Temperaturen um 12 bis 13 Grad Celsius. Ein perfekter Arbeitsplatz also an heißen Tagen.
Da will Wilke ja gar nicht widersprechen. Und er weiß auch, dass viele Gäste das Gangsystem ansteuern, wenn draußen die Quecksilbersäule des Thermometers die 30 überschreitet. Aber der beste Arbeitsplatz, den er sich denken kann, das sind die Gänge für ihn sowieso. Und das schon seit 17 Jahren.
So lange ist Wilke dabei, der der Interessengemeinschaft Unterirdisches Zeitz, die am 21. Februar 1990 gegründet wurde, sechs Wochen nach der Gründung beitrat. "Es hat mich einfach schon immer interessiert", sagt er, "und ich konnte ja auch immer viel beisteuern, selber machen." Schließlich ist er gelernter Elektriker und hat eben auch den handwerklichen Blick. Doch hier muss er Allroundtalent sein: Er kümmert sich um alle organisatorischen Fragen, die Planung, die Führungen, hat Ordnung und Sauberkeit im Blick, ist da, wenn es doch einmal ein Problem gibt, macht die Abrechnungen und ist natürlich Ansprechpartner für die Gäste aus Deutschland, Europa und der Welt. Das kann man so sagen, denn die Gäste kommen tatsächlich aus so ziemlich allen Bundesländern, vielen Ländern Europas und auch schon mal über den großen Teich. In den ersten Jahren kamen oft weit über 10 000 Besucher, jetzt hat sich die jährliche Besucherzahl bei 7 000 bis 10 000 eingepegelt. Natürlich kommen sie nicht etwa nur, weil es so schön kühl ist in den Gängen. Unter der Altstadt von Zeitz befinden sich wohl mindestens 200 Ganganlagen. Erst durch die Gründung der Interessengemeinschaft Unterirdisches Zeitz wurde eine Untersuchung und Sicherung der Gänge möglich. Viele Gänge waren teilweise mit Müll und Schutt verfüllt worden. Nach den Beräumungs- und Sicherungsarbeiten, die die fleißigen Zeitzer Maulwürfe schon 1989 begonnen hatten, wurde ein Teil der Ganganlagen in mehreren Bauabschnitten zu einem Führungsgangsystem ausgebaut, das dann auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte. Seit Juni 1999 ist die ehemalige Matheser Likörfabrik an der Ecke Altmarkt / Fischstraße das Vereinshaus und der Ausgangspunkt für alle Gangführungen. "Die Bedingungen haben sich wirklich total verbessert, seit wir das Objekt hier haben", meint Wilke und lacht, "jetzt können wir hier bei erträglichen Temperaturen hinaus schauen in die Sonne und auf das Leben. Zuvor saßen wir bei jedem Wetter in der Tonne am jetzigen Ausgang Braustraße."
Und Wilke hat natürlich auch den Vorteil, der manchmal ein Nachteil ist, dass er im Haus wohnt. Aber er ist ohnehin so mit den Gängen und seiner Arbeit verbunden, dass er nie wirklich Feierabend macht.
Über Jahre und Jahrzehnte hinweg schufen einst Zeitzer die Gänge. Zahlreiche der ursprünglich isoliert von einander geschaffenen Ganganlagen wurden während des Zweiten Weltkrieges zu Luftschutzzwecken miteinander verbunden. Ursprünglich dienten die Kelleranlagen aber als Lager, und glaubt man alten Geschichten und Sagen wohl vor allem für das in Zeitz vielfach gebraute Bier. Das Reifen und Lagern des Bieres erfolgte vor Luftzug geschützt, in leicht feuchten Gewölben und Gängen bei einer Temperatur um zwölf Grad Celsius. Die Temperatur hält sich auch in dem ausgebauten Teil, dem Führungsgangsystem. Über 700 Meter legen Besucher des Gangsystems zwischen Braustraße und Altmarkt zurück. Dabei geht es bis zu 16 Meter tief hinunter unter Zeitz. Wenn es ihm zu heiß wird, könnte Andreas Wilke ja nach unten flüchten. Aber heiß wird ihm im Moment höchstens, wenn der Besucherstrom nicht abreißt. Aber darüber freut er sich natürlich. "Wir könnten in diesem Monat 1 500 Besucher schaffen", sagt er.